Gab es bereits in der Steinzeit eine weitreichende Seefahrerkultur, die Wissen, Architektur und Pflanzen über das Mittelmeer und möglicherweise sogar über den Atlantik verbreitete?
In Teil 1 dieses neuen Zweiteilers diskutieren Frank Stoner, Dominique Görlitz und Marcel Wojnarowicz die Theorie einer frühen maritimen Kultur, deren Spuren sich von Mesopotamien über Ägypten, Kreta, Sardinien und Spanien bis zu den Kanarischen Inseln verfolgen lassen könnten.
Wojna übernimmt dabei die Rolle des kritischen Publikumsvertreters: Sind Begriffe wie Negade-Kultur, Protophönizier und „Gefolgschaft des Horus“ tatsächlich Bezeichnungen für verschiedene Entwicklungsstufen derselben Kultur? Welche konkreten Befunde sprechen für diese weitreichende Hypothese – und wo beginnt die Spekulation?
Dominique erläutert zunächst seine Forschungen zu Nikotin und Kokain in ägyptischen Mumien. Nach seiner Interpretation könnten diese Pflanzenstoffe auf frühe Fernkontakte mit Amerika hinweisen. Anschließend richtet sich der Blick auf die kanarischen Stufenbauten: Handelt es sich lediglich um neuzeitliche Steinlesehaufen oder um wesentlich ältere, astronomisch ausgerichtete Bauwerke?
Ein Schwerpunkt liegt auf den ersten OSL-Datierungen von Anlagen bei Santo Domingo und San Marcos auf Teneriffa. Die im Gespräch vorgestellten Messergebnisse deuten nach Darstellung des Forschungsteams auf mehrere Bauphasen hin, von denen einige bis weit in die Zeit vor der spanischen und phönizischen Seefahrt zurückreichen könnten.
Ergänzend werden die astronomischen Ausrichtungen der Anlagen untersucht. Plattformen, Rampen und Mauerachsen könnten unter anderem auf Sirius, das Kreuz des Südens und bestimmte Sonnenstände bezogen sein. Vergleiche mit Anlagen auf Sardinien und im westlichen Mittelmeerraum werfen die Frage auf, ob hinter diesen Bauwerken eine gemeinsame kosmologische und maritime Tradition stand.
Weitere Beispiele aus Chío, San Marcos und Santa Bárbara zeigen jedoch auch, wie schwierig eine sichere Interpretation ist: Manche Anlagen wurden später erweitert, landwirtschaftlich genutzt oder durch Vulkanausbrüche, Erdbeben und neu aufgeschüttete Böden verändert.
Teil 1 führt damit in die Argumente, Datierungsmethoden und wichtigsten Fundorte ein. Im zweiten Teil wird die Suche nach den kulturellen und maritimen Verbindungen dieser mutmaßlichen Seefahrerkultur fortgesetzt.








